Immer mehr Jugendliche in der Schuldenfalle

Meldung vom 19.02.2008 Seite drucken
Wie viele junge Menschen in Hamburg wirklich in den roten Zahlen stecken, ist unbekannt. Laut einer Befragung haben rund zwölf Prozent der Jugendlichen zwischen 13 und 24 Jahren Schulden. Auslöser für die Misere ist oft eine völlig verschobene Vorstellung von Lohn und Lebensstil. Kurse zeigen Auswege aus der Krise auf.

Lange hat Nadine* die Augen vor ihren Schulden verschlossen: Heute steht die 26-Jährige vor der Privatinsolvenz

Heute weiß Nadine*, dass Weglaufen keine Lösung ist. Dabei schien es ein paar Monate so, als könnte es funktionieren. Damals öffnete die junge Frau die Briefe der Katalogwarenhäuser gar nicht erst. Sie legte sie gleich in die Kiste in der Küche, ganz unten im Regal. Das mit dem Weglaufen ging damit ganz einfach: Deckel auf, Brief rein, Ruhe. Bis eines Tages ein Zettel in der Post lag. „Wir nehmen Ihnen Ihre Schulden ab!“, stand da drauf. Zum ersten Mal hatte Nadine das Gefühl, dass jemand von ihrem Geheimnis wusste. „Ich dachte: ‚Okay, jetzt machst du reinen Tisch'.“

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Die junge Frau, die sich mittlerweile Mithilfe eines [...] Beraters daran macht, ihren 10.000 Euro hohen Schuldenberg zu begleichen, gehört zur Gruppe Jungschuldner. Zwar gibt es keine genauen Zahlen darüber, wie viele Hamburger Jugendliche in den roten Zahlen stecken. Doch eine Erhebung des Bundesverbandes deutscher Inkassounternehmen gibt eine Dimension vor, die in der Tendenz auch für die Hansestadt zutreffen dürfte. So ergab eine Unternehmensbefragung, dass rund 12 Prozent der Jugendlichen zwischen 13 und 24 Jahren Schulden haben, im Schnitt liegt der Betrag bei 1800 Euro. Bei der Frage nach den Gründen geben rund 79 Prozent einen sorglosen Umgang mit Handykosten an. Rund 76 Prozent nennen die Elternhäuser als schlechte Vorbilder.

DRK registriert steigende Nachfrage von Hilfesuchenden
Seit November bietet das Hamburger Rote Kreuz (DRK) Schulklassen den schuldenpräventiven Workshop für benachteiligte Jugendliche an, in erster Linie Schülerinnen und Schüler der siebten und achten Klassen von Haupt- und Realschulen. Ziel ist, den Jugendlichen zu verdeutlichen, welche Verhaltensweisen erst zur Verschuldung, dann zur Überschuldung führen können. „Mit dem Kurs reagieren wir auf eine gestiegene Nachfrage junger Hilfesuchenden, die wir in der Schuldnerberatung antreffen“, so DRK-Sprecher Rainer Barthel. Der Kurs soll Jugendlichen möglichst früh den richtigen Umgang mit Geld lehren. Dabei handelt es sich eigentlich um Selbstverständlichkeiten, die daheim von der Familie vermittelt werden. In Zeiten, in denen viele Eltern jedoch selbst ein Leben auf Pump führen, kristallisiert sich eine Generation heraus, die mit Fachbegriffen wie Gerichtsvollzieher, Schufa, Dispo und Ratenzahlungen ebenso vertraut ist wie mit den neuesten Modellen der Handyhersteller.

Der Teufelskreis von Ratenzahlungen und Zinserhöhungen ist Nadine vertraut. Auch wenn sie nicht dem typischen Fall eines Jungverschuldeten entspricht, da der Auslöser für die Finanzkrise auch die Spielsucht ihres Ex-Ehemannes war, so kennt sie jedoch den Teufelskreis aus unbezahlten Rechnungen und laufenden Ratenzahlungen. In ihrem Fall waren es die Hochglanzseiten der Warenhauskataloge, die sie in den finanziellen Ruin führten. Nach dem Motto „Heute kaufen, übermorgen zahlen“ bestellten sie und ihr Mann technische Geräte, Möbel und Kleidung. Aus einer monatlichen Ratenzahlung wurden schnell drei. Die Schlaf raubenden Sorgen kamen, als Ratenzahlungen für den laufenden Monat nicht beglichen werden konnten und automatisch erhöhte Zinsen fällig wurden. Ohne Neuanschaffungen stiegen die Beträge sprunghaft an.
Finanzthemen spielerisch verstehen lernen
Wie wichtig der verantwortungsvolle Umgang mit Geld ist, hat auch die Hamburger Bildungsbehörde erkannt. Das Projekt „Schüler Banking“ ist eine gemeinsame Initiative des Instituts für Finanzdienstleistungen e.V., der Hamburger Behörde für Bildung und Sport und der Hamburger Sparkasse. Anhand von Rollenspielen und Beratungsgesprächen soll spielerisch an Finanzthemen herangeführt werden.

Sinnvoller ist es, den Gang zum Bankberater gar nicht als so selbstverständlich hinzunehmen wie den Besuch beim Friseur. Rainer Barthel vom DRK-Landesverband weiß aus den ersten Kursen gegen Jugendverschuldung, dass der Auslöser für die Misere oft in einer völlig verschobenen Vorstellung von Lohn und Lebensstil begründet liegt. „Wir sprechen über eine Generation, die schon weit über ihre Verhältnisse lebt, bevor sie ihr erstes Gehalt verdient.“
Heute kennt Nadine ihren Schuldenbetrag auf den Cent genau. Früher war da nur dieses schwarze Loch in ihrem Leben, von dem sie wusste, dass es existiert, nicht aber, wie tief es ist. Sechs Jahre liegen vor ihr. Solange dauert es, bis ihr Insolvenzverfahren abgeschlossen ist. Den Karton in der Küche, in den sie einst die ungeöffneten Briefe legte, gibt es schon lange nicht mehr. Es tue gut, sagt sie, endlich Licht am Ende des Tunnels zu sehen.
* Name von der Redaktion geändert


Quelle: www.welt.de von Eva Eusterhus



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